Bezahlbarer Klimaschutz

Wenn Hausbesitzer Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten ankündigen, kriegen es Mieter oft mit der Angst zu tun: Wird die Miete anschließend erhöht? Können sie es sich dann noch leisten, in den geliebten vier Wänden zu bleiben? Kein Wunder, dass die Debatte um Klimaschutz allgemein und insbesondere um die bis 2050 angestrebte Klimaneutralität der Gebäude viele Menschen sorgt. Kann das überhaupt gehen, dass ein Haus selbst so viel Energie erzeugt, wie seine Bewohner für Raumwärme, Warmwasser und Haushaltsstrom benötigen? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Auch für die Wohnungswirtschaft ist diese Frage eine Herausforderung. Der Austausch von Fenstern, das Dämmen von Decken, Wänden und Dächern, der Einbau neuer Heizsysteme kosten Geld. Spezielle Gremien suchen intensiv nach Lösungen, die Kosten für mehr Umweltschutz zu begrenzen und nicht auf den Mieter abzuwälzen. Die Forderungen nach dafür unabdingbaren Milliardensummen vom Staat mögen bei manchen den Eindruck erwecken, hier solle in Wahrheit schon der Boden für Mieterhöhungen planiert werden. Dies ist nicht der Fall. Gleichzeitig gehen die Vermieter nämlich in Vorleistung. 

Nur ein Beispiel von vielen: Rüdesheim am Rhein. In der hessischen Stadt startet ab diesem Sommer ein Pilotprojekt der zur GdW gehörenden Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte / Wohnstadt (NHW). Für insgesamt 2,9 Millionen Euro werden zunächst drei Gebäude mit insgesamt 28 Wohneinheiten saniert. Bisher stoßen die jedes Jahr insgesamt rund 110 Tonnen Kohlendioxid aus, also fast exakt so viel als wären die Bewohner mit 42 Pkw im selben Zeitraum je 15.000 Kilometer auf den Straßen unterwegs. Nach der Modernisierung sollen die Emissionen gleich Null betragen. 

Hilfreich ist dabei die Zusammenarbeit der Wohnungsbaugesellschaft mit mehreren Startups, deren Ideen NHW seit 2018 in einem eigenen Accelerator-Programm namens Hubitation fördert. In Rüdesheim liefert das Berliner Jungunternehmen Ecoworks unter anderem maßgeschneiderte Dämmelemente für Fassaden und Kellerdecken und wird 15 Jahre lang die neuen Photovoltaikanlagen auf den Dächern und Stromspeicher betreiben, die dann Wärme und Elektrizität in den Gebäuden sichern.

Dass solche Maßnahmen nicht nur die Umwelt, sondern auch die Geldbeutel der Bewohner schonen können, zeigt der Blick auf eine Zahl: Heizung und Warmwasser machen in Deutschland knapp die Hälfte aller Nebenkosten aus. Die so genannte „zweite Miete“ könnte also beträchtlich sinken, ohne dass jemand fröstelnd im Wohnzimmer sitzen oder kalt duschen müsste.

Allerdings reicht das nicht aus. Klimaschutzmaßnahmen im Gebäudebestand seien im Regelfall nicht allein über Energiekosteneinsparungen finanzierbar, sagt Dr. Ingrid Vogler, Leiterin Energie und Technik beim GdW. „Der Einsatz erneuerbarer Energieträger ist derzeit teurer als etwa der Einsatz von Gas. Der CO2-Preis soll das ändern, indem er die fossilen Energieträger verteuert.“ Wenn die Wohnungsunternehmen die Modernisierungen mit Augenmaß für die Situation der Mieter umsetzen wollten, seien auch mehr staatliche Zuschüsse und eine Anpassung des Regulierungsrahmens nötig. 

Bereits im vergangenen Herbst hatte der GdW deshalb gemeinsam mit dem Deutschen Mieterbund und dem  Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung darauf aufmerksam gemacht, dass bis zu 10 Milliarden Euro jährlich an zusätzlichen Fördermitteln nötig seien, wenn Mieter nicht mehr als derzeit belastet werden sollten.

Angesichts insgesamt milderer Winter könnte man für bezahlbare Lösungen zwar durchaus auch darüber nachdenken, eine Heizungsanlage etwa nur noch auf minus 10 anstatt minus 14° Celsius auszulegen, sagt Dr. Vogler. Dann würde man in Kauf nehmen, dass eine Wohnung alle paar Jahre an kälteren Tagen nicht auf 22° Celsius zu heizen sei. „Die Politik hat es bisher aber versäumt, offen darüber zu sprechen, dass Klimaschutz uns alle Geld kostet,“ kritisiert sie. 

Neben den 28 Wohneinheiten in Rüdesheim muss allein die NHW in Hessen für weitere fast 59.000 Wohnungen den Beweis der Klimaneutralität liefern. Mehr als 1,8 Millionen Tonnen CO2 sollen bis 2050 eingespart werden – die Hälfte der Menge, die der Frankfurter Stadtwald in dieser Zeit binden kann. 

Die Wohnungswirtschaft will dem Anspruch gerecht werden, aber auch Fairplay gegenüber Mietern ist ihr Ziel. Dazu braucht sie weitere Mitspieler.