Innovative Konzepte

Das ist ein ganzes Stück Entwicklungsgeschichte.

Das Auto hatte über ein Jahrhundert Zeit, sich zum Statussymbol zu entwickeln. Wenn man sich Werbung für Autos ansieht, wird man nichts annähernd Vergleichbares für Modulbauten finden. Die Autoindustrie und auch die Politik, der es ja um viele Arbeitsplätze in der Industrie geht, haben alles dafür getan, dass das Auto ein Statussymbol wird – und bleibt.

Wohnungen haben dagegen nicht diesen Symbolwert?

Ich befürchte, dass sich viele Menschen keine Wohnung leisten können, die für sie ein Statussymbol sein könnte. Diese Rolle kommt wohl eher der der neuen Couchgarnitur oder dem großen Flachbildschirm in der Wohnung zu.

Modulares Bauen hat also vor allem ein Image-Problem?

Wenn wir vom seriellen, modularen Bauen sprechen, ist sein Image immer wieder ein großes Thema. Leider gibt es bisher sehr wenige, architektonisch herausragende Beispiele. Weil mit der modularen Bauweise vor allem der Aspekt des kostengünstiges Bauens verbunden wurde, geriet sie schnell in den Strudel vermeintlich billiger, belangloser Kisten, die im schlimmsten Fall eintönig übers ganze Land verteilt werden. Wenn man sehr knappe wirtschaftliche Vorgaben hat, sind zudem keine großen Sprünge möglich. Diese Herausforderung hat man aber genau so, wenn die Gebäude konventionell gebaut werden. Auch beim konventionellen Bauen ist nicht alles „preiswürdig“. Auch da gibt es einen großen Wiederholungsfaktor, wenn man durch die Städte fährt. Denken Sie nur an die weißen, staffelgeschossten Retro-Bauhauskisten Land auf Land ab. Aber auf das modulare, serielle Bauen wird viel kritischer geguckt.

Es geht allerdings auch anders: Sie haben mit Ihren Entwürfen des modularen Bauens sogar einen Wettbewerb der Wohnungswirtschaft gewonnen. Welche Kriterien mussten Sie dafür erfüllen?

Beim Ausschreibungs-Wettbewerb des GdW war die Aufgabe zweiteilig: Wir sollten zum einen eine Art Setzbaukasten entwickeln. Eine Toolbox, in der die Teile sind, aus denen ich ganz verschiedene Wohnungstypen und daraus Gebäude konfigurieren kann. Zum anderen mussten alle Teilnehmer aus diesem Baukasten ein vorgegebenes Haus konzipieren, um eine Vergleichbarkeit der Systeme zu gewährleisten. Wir haben unser System mit der Firma Alho entwickelt, die Module aus Stahl fertigt, und konnten überzeugend zeigen, dass man gut 80 Prozent aller Bauaufgaben im Wohnungsbau wirtschaftlich und architektonisch anspruchsvoll lösen kann.

Die Bewohner solcher Gebäude brauchen auf keinerlei Komfort zu verzichten?

Wenn sie sich 3,20 Meter hohe Decken wünschen, wird es etwas schwierig. Aber ansonsten: Nein. Von Mietern der Wohnungen, die wir für die VONOVIA realisiert haben, haben wir sehr positive Rückmeldungen erhalten. Wenn sie da rein gehen, sieht es dort genauso aus wie in einem guten, konventionell errichteten  Gebäude. Ich baue Ihnen nahezu alles modular. Wenn sie das vorher nicht wissen, werden Sie als Laie keinen Unterschied bemerken. Das Image-Thema ist eher ein intellektuelles Szene-Thema unter Architekten, auch bei den Städten und Behörden. Da passiert ganz viel aus einem gestörten Bauchgefühl heraus. Dabei ist seriell-modulares Bauen keine Frage von Qualität. Auch nicht von Gestaltungsqualität. Nur in den Köpfen dominiert die Verknüpfung „seriell gleich simple, belanglose Architektur“. 

Wie ist es um den verantwortlichen Umgang mit Material und Energie bestellt?

Beim Energieverbrauch können natürlich alle gesetzlichen Auflagen erfüllt werden. Die Betonbauweise ist nicht nur aus Greta Thunbergs Sicht etwas kritisch, weil bei der Erzeugung von Beton nun einmal viel CO“ entsteht. Hier arbeitet die Betonindustrie aber schon daran, Recycling-Material zu verwenden. Der ganz große Vorteil des modularen Bauens gegenüber einer konventionellen Baustelle aber ist der viel geringere Materialverbrauch und damit verbundene deutlich geringere Menge an Abfall und Verschnitt. Wie viel Zeug auf einer konventionellen Baustelle herumliegt! Kabel- und Dämmstoff-Reste, Verpackungen und alles mögliche andere. Bei den Modulherstellern wird das Material maß- und mengengenau angeliefert und eingebaut. Es gibt einen Schalterhersteller, der mit einer Firma zusammenarbeitet, die für die Autoindustrie vorkonfektionierte Kabelbäume herstellt. Wenn ich vorher weiß, dass die Kabel 5,83 Meter lang sein müssen, werden auch nur diese Längen geliefert und ich habe deutlich weniger Verschnitt, der oft auch nicht mehr weiterverwendet werden kann.

Spätestens jetzt müssten eigentlich alle umweltbewussten Häuslebauer nur noch modular bauen wollen…

Das ist aus meiner Sicht ein echtes Pfund. Wenn man weiter rechnet, wie viel Baustellenverkehr man sich sparen kann, wenn zum Beispiel keine Betonmischer regelmäßig zur Baustelle fahren müssen. Oder wie viel Energie, weil auf einer konventionellen Baustelle ein Raum ausgetrocknet werden muss, der noch keine Fenster hat. Da hängt dann Plastik vor den Fenstern, und drinnen stehen große Trockner, damit der Estrich trocken wird.  Es ist etwas völlig anderes, wenn in einer 21° Celsius warmen Produktionshalle gebaut wird. Beim Thema Nachhaltigkeit ist der serielle, modulare Bau in einer Gesamtbilanz aus meiner Sicht im Vorteil. Man stellt diesen Aspekt bisher nur viel zu wenig heraus.

Eignet sich die Bauweise für alle Flächen, oder gibt es Beschränkungen?

Zum einen sollte bei der Bauart differenzieren. Bei Holzbauten darf man in Deutschland aus Brandschutzgründen je nach Bundesland nur vier bis fünf Geschosse bauen. Die Stahlbauer können wirtschaftlich bis zu sieben oder acht Module stapeln gehen, in Betonbauweise sind es je nach Konstruktionsprinzip um die zehn. Zum anderen gibt es mit Blick auf den Städtebau natürlich immer wieder Grundstückszuschnitte, die sich nicht eignen. Zum Beispiel wenn sie rund, schräg oder trapezförmig sind, aber bis auf den letzten Zentimeter ausgenutzt werden sollen. Auch Hanglagen sind nicht immer geeignet. Und ich muss gleich zu Beginn prüfen, ob ich mit den notwendigen Tiefladern überhaupt das Grundstück erreiche.

Und bei der Ausstattung, ist da alles möglich, was auch die konventionelle Bauweise erlaubt?

Je nachdem, ob es sich um Holzbau oder Stahl handelt oder Beton, können Hersteller aus Gewichtsgründen nicht jedes x-beliebige Material für die Fassade nutzen. Mit der vier Zentimeter dicken Natursteinplatte wird es etwas schwierig. Bei der Größe der Fenster und Türen, bei der Inneneinrichtung, Wänden, Fußböden, Bäder etc. gibt es keine Einschränkungen. Auch barrierefrei und behindertengerecht ist kein Problem. Und Balkone können auch abgehängt werden und müssen nicht vor dem Gebäude abgestellt werden.

Was denken Sie? Gehört dem seriellen, modularen Bauen die Zukunft?

Es wird ein Teil der Zukunft. Das hoffe ich zumindest, weil es das mehr als verdient hat und die gesamte Bauwirtschaft mit Blick auf ihre Industrialisierung weiterbringt. Wir sind ja nicht die ersten, die sich damit beschäftigen. Das Bauhaus verbinden die meisten Menschen mit seinen weißen Villen, aber im Grunde war Serialität eine wesentliche Idee der Bauhaus-Architekten. Und schon sie mussten sich mit der Sorge vor Eintönigkeit beschäftigt. Es gibt von Walter Gropius ein passendes Zitat:
„Die Annahme, eine Industrialisierung des Hausbaus würde eine Verhässlichung und Eintönigkeit nach sich ziehen, ist nicht zu befürchten, solange nur die Bauteile typisiert werden, die daraus errichteten Häuser dagegen variieren.“